Reisebericht Ägypten - Quelle des Nil
Gefangen auf dem Nil
Teil 2
Was in Kosti beginnt, wird uns ewig unvergesslich bleiben. Die Fähre ist keine Fähre, sondern eine schwimmende Stadt. Sechs Wasserfahrzeuge, jedes von der Größe eines mehrstöckigen Donaudampfers, sind miteinander vertäut und bevölkert von einer Unmenge Menschen. Nur das hintere, mittlere Schiff hat einen Antrieb. Wir treffen ein dänisches Pärchen, nun sind wir schon zu fünft und schlagen unser Lager auf.
Eine Wäscheleine markiert unser Territorium auf dem Deck, wir beobachten das Ablegemanöver und beginnen, das „Städtchen“ zu erkunden. Der Nil hat hier eine majestätische Ruhe und Größe, Wasserhyazinthen treiben vorbei, große Reiher ziehen über das Wasser, Fischer holen ihre Netze ein. Die Nacht verbringen wir ganz oben, hinter der Kapitänskajüte auf dem Dach des Antriebsschiffes, unter unseren Moskitonetzen.
Malakal kommt in Sicht, die letzte größere Stadt vor dem Sumpf. Es ist schwül-heiß, die Erde am Ufer ist schwer von Lehm und Feuchtigkeit, pechschwarze Leiber glänzen beim mühseligen und lautstarken Be- und Entladen des Schiffes.
Dann geht es hinein in den Sudd, dieses Horizontumspannende Dickicht aus Schilf und Papyrus, in dem sich der Nil in hunderttausend Flüsschen verästelt. Ein grünes Meer, soweit das Auge reicht. Die Wasserhyazinthen bedecken jetzt fast den ganzen Fluss. Wieviel Tage sind wir unterwegs? Wann fiel der Mann ins Wasser, zum allgemeinen Entsetzen, hier gibt es Krokodile? Wann geriet die Frau mit ihrem Arm zwischen zwei scheuernde Schiffsrümpfe und reihte sich ein in die Liste unserer Patienten, denn wer sonst an Bord verfügt über eine halbwegs wirksame Apotheke? Wann verscheuchte uns der Kapitän vom Dach? Die Tage zählen wir nur noch im Tagebuch. Ihr Ablauf ist immer ähnlich. Morgens einen Eimer Wasser am Seil aus dem Nil ziehen, Entkeimungstabletten hinein. Dösen, Schach spielen, Tagebuch schreiben. Mittags gibt es Milchpulver mit Nilwasser und Haferflocken. Manchmal unternehmen wir eine kleine Expedition kreuz und quer über die Schiffe. Wir entdecken eine kleine Kantine, ich kaufe eine Dose sudanesisches Bier, hülle sie in feuchte Tücher. In der Schule hatte ich von Verdunstungskälte gehört, aber mit 35° schmeckt Bier auch nicht besser als mit 40°.
Eine der Mücken, die den Weg unter mein Moskitonetz gefunden hat, hatte es in sich. Die Malaria ist da, trotz Prophylaxe. Das Fieber schnellt auf weit über 40°, später sagt man mir, dass ich wohl ziemlichen Unsinn geredet habe. Am nächsten Tag ist es wieder weg. Einmal ziehen Elefanten in der Ferne vorbei, es gibt doch noch festes Land auf dieser Welt. Manchmal sind am Ufer winzige Flächen freigelegt, bebaut mit einer einzelnen Hütte. Wer hier lebt, hat die Welt für sich. Dann liegt das Schiff stundenlang still, es spricht sich herum, dass vor uns Rebellen sind. Armeehubschrauber knattern über uns hinweg, die Fahrt geht weiter.
Nach mehr als einer Woche erreichen wir Bor und verlassen das Schiff.
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