Moment der Sonnenfinsternis
Ägyptens Zauber beginnt
Immer häufiger richten wir den geschützten Blick auf die Sonne. Längst ist sie teilweise vom Mond verdeckt, ohne Brille merkt man davon aber nichts. Selbst als schon mehr als drei Viertel der Sonne verdeckt sind, scheint sie mit unverminderter Kraft und Helligkeit vom Himmel zu leuchten.
Doch dann beginnt es zu dämmern, die Welt wird unwirklich. Wir wissen: Der Schatten rast aus Libyen auf uns zu, er wird über den Grenzberg kommen, der für uns gesperrt ist, weil Hosni Mubarak, der ägyptische Staatspräsident, es sich dort mit seinem Clan gemütlich gemacht hat. Im Kaffeehaus hängt ein Fernseher, das libysche Programm ist eingestellt, dort ist die Finsternis bereits total.

- Langsam dämmert es allen: die Sonnenfinsternis nimmt ihren Lauf
Auf dem Dach des Hotels haben sich Ägypter versammelt. Je dunkler es wird, desto lauter und eindringlicher wird ihr Gebet. Allahu akbar! Gott ist groß.
In der Tat erleben wir Momente, in denen wir uns winzig fühlen. Zu groß ist die Veränderung, die die Welt erlebt. Wird es kühler? Nicht wirklich. Wird es stiller? Nicht wirklich. Und doch ist alles anders. Lautlos überrennt uns die Dunkelheit.

- Der Sonnenfinsternis am nächsten: auf dem Dach des Kaffeehauses
Fast vier Minuten haben wir Zeit, die Einmaligkeit der Situation in uns aufzusaugen. Nur die Korona der Sonne leuchtet noch vom Himmel und taucht Landschaft, Häuser und Menschen in ein fahles Licht. Man spürt, es ist Tag; man sieht, es ist fast Nacht. Körper und Geist geraten in einen sanften Ausnahmezustand. Später, als alles vorbei ist, werden wir versuchen, uns gegenseitig zu beschreiben, was wir erlebt haben. Keinem gelingt es, aber alle sind sich einig: Es war den weitesten Weg wert.
Allahu akbar! Vom Dach des Hotels tönt echte Besorgnis. Wird die Welt je wieder, wie sie war? Die gewaltige Kraft der Sonne beweist sich eindrucksvoll: Als der vorbeiziehende Kernschatten den ersten Millimeter der Sonnenscheibe wieder freigibt, wird es schlagartig hell.

- Der Mond verdeckt die Sonne und...

- ...gibt sie wieder frei.
Erleichtert und begeistert schwatzen alle durcheinander. Sensiblere Gemüter halten sich noch abseits und lauschen ihrer Seele nach. Mubaraks Hubschrauber knattert über uns hinweg, der Alltag hat uns wieder, der Bus wartet. Es wird fast Mitternacht sein, als wir wieder in Kairo sind.
In den nächsten Tagen werden wir noch großartige Erlebnisse haben, an der Knickpyramide des Djoser vom Sandsturm überrascht werden, in den hintersten Winkeln der Basare auf freundliche Menschen und ihre Handwerkskunst stoßen, schauen und staunen und uns wohl fühlen in dieser zauberhaften Stadt. Doch wenn wir die Augen schließen, noch Wochen später, und uns zurückträumen, dann sind wir in dem kleinen Kaffeehaus in der kleinen Stadt Salloum, und versuchen uns zu erinnern, wie es war, als uns die Sonne einen Augenblick verließ.
