Ein großes Problem für die Menschen, die entlang der Ufer des Nils leben, stellte seit Jahrtausenden das alljährliche Nilhochwasser dar. Wenn sich das Wasser wieder zurückgezogen hatte, blieb fruchtbarer Nilschlamm auf den Feldern zurück, der die Grundlage für eine auskömmliche Landwirtschaft war. Doch je nach Stärke der Regenfälle im Quellgebiet des Nils bzw. auf den Hochflächen in seinem Einzugsbereich fiel auch das Hochwasser unterschiedlich aus. Mal war es sehr stark und führte zu massiven Zerstörungen. Ein anderes Mal war es sehr gering, so dass nur wenig fruchtbares Land zurückblieb.

Als Lösung für dieses Problem tauchte recht früh mit dem Voranschreiten der technischen Entwicklung die Idee zum Bau eines Staudammes im Süden Ägyptens auf. 1902 konnte der erste Assuan-Staudamm rund 7 Kilometer südlich des Stadtzentrums eingeweiht werden. Doch er erfüllte seinen Zweck zunehmend weniger gut, sodass bereits Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts Pläne für einen neuen Staudamm entstanden.

Anfang der 50er Jahre erlangte Ägypten seine vollständige Unabhängigkeit und der Staudammbau kam gerade zur rechten Zeit für ein Vorzeigeprojekt der jungen Republik Ägypten. Im zunehmenden Ost-Westkonflikt verlangten die westlichen Investoren jedoch eine eindeutige Positionierung Ägyptens für die Seite der Westmächte, was Ägypten ablehnte und stattdessen nach Neutralität strebte. Aus diesem Grund zogen sich die westlichen Investoren zurück und der Bau des Staudammes wurde mit sowjetischer Hilfe fortgesetzt. Für den Bau wurde ein Kanal gegraben, in dem der Nil vorübergehend umgeleitet wurde. Die Landschaft hinter der Staumauer sollte sich aber nachhaltig verändern.

Mit der zunehmenden Flutung des neu entstehenden Nasserstausees verschwanden immer mehr Dörfer, Felder und kulturelle Schätze im See und viele Menschen mussten ihre angestammte Heimat verlassen. Damit nicht auch die großen und bedeutenden, historischen Bauwerke in den Fluten des Sees untergingen, wurde mit Hilfe der UNESCO eine einzigartige Hilfsaktion initiiert. Mehrere Tempel wurden Stein für Stein an ihrem angestammten Ort abgetragen und an höherer Stelle wieder aufgebaut.

Die gewaltige Staumauer hat eine Länge von 3.600 Metern und eine Höhe von 111 Metern. Sie misst an ihrer Sohle unglaubliche 1.000 Meter und ist an der Krone noch 40 Meter breit. Die Staumauer muss immerhin die Fluten des Nassersees abhalten, der mit seiner unregelmäßigen Form immerhin eine Breite von 35 Kilometern und eine Länge von 500 Kilometern aufweist und bis in den Sudan hineinreicht. Der Wasservorrat im Nassersee beträgt unglaubliche 150 Milliarden Kubikkilometer Nilwasser. Fast der gesamte Strombedarf Ägyptens wird am Assuan-Staudamm erzeugt. Ein riesiges Netz aus Leitungen verzweigt sich vom Staudamm und führt ins ganze Land.

So gesehen, hat der Staudamm seinen Zweck erfüllt. Ohne ihn wären Straßen, Eisenbahnlinien, Industrieanlagen und ganze Stadtviertel nie entstanden und die Agrarproduktion wäre immer noch stark von den Nilschwemmen abhängig. Der Staudamm hat aber mit den massiven Eingriffen in die Landschaft auch negative Folgen für die Natur gebracht, denn der Verlust des fruchtbaren Nilschlammes erfordert den großflächigen Einsatz von Kunstdünger, die nun gleichmäßig feuchten Böden versalzen und bedrohen die Landwirtschaft ihrerseits. Und auch die Ablagerungen im Nildelta fehlen, so dass dort die Erosion zum Verlust von zum Teil wichtiger Landfläche führt. All die Sedimente und Ablagerungen, die am Unterlauf des Nils nördlich von Assuan fehlen, sammeln sich nun im Nassersee an und werden in einem überschaubaren Zeitraum zur Verlandung des Sees führen. So gesehen, ist der Assuan-Staudamm für Ägypten Segen und Fluch zugleich, denn ohne ihn wäre die wirtschaftlich Entwicklung des Landes nicht möglich gewesen.zurück zum Reiseführer oder weiter zum nächsten Artikel