Etwa drei Kilometer südlich des alten Assuan Staudammes und auch südlich des ersten Kataraktes befindet sich eine Insel, die wie die Insel Neu Kalabscha oder die Tempel von Abu Simbel zur neuen Heimat bedeutender historischer Bauwerke aus dem Alten Ägypten geworden ist. Die Tempelanlagen, die sich heute auf der Insel Agilika in der Nähe von Assuan befinden, standen ursprünglich auf der Nilinsel Philae, die schon beim Bau des ersten Staudammes vom ersten Stausee bedroht war und schließlich im Wasser versank. Die Kulturdenkmäler von Philae standen daraufhin fast 80 Jahre im Wasser, bevor sie in den 1970er Jahren auf die Nachbarinsel Agilika umgesetzt, was dieser Insel heute zu dem Namen Neu-Philae verholfen hat.

Auf Neu-Philae können die Besucher heute einige der schönsten und am besten erhaltenen Tempelanlagen Ägyptens besuchen, die ursprünglich der Göttin Isis geweiht waren. Eine historische Schilderung beschreibt die alte Insel Philae als 450 Meter langes und 150 Meter breites Eiland im Nil, das mit Palmen und Büschen bewachsen war. Die Insel war somit ein kleines Naturwunder inmitten der nubischen Felswüste. Die meisten Bauten auf der Insel Philae wurden zur Zeit der griechisch-römischen Antike errichtet und trugen umfangreiche Schmuckreliefs. Da der Isis-Kult in der zweiten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts sehr populär war, und zwar nicht nur in Ägypten sondern in weiten Teilen Mitteleuropas, war auch die Insel Philae sehr bekannt.

Wie schon erwähnt, waren die Tempelbauten nach der Errichtung des ersten Assuan-Staudamms gefährdet. Nach der Eröffnung dieses Dammes 1902 begann das Wasser um die Insel anzusteigen, denn sie liegt ja nur zwei Kilometer südlich der alten Staumauer. Die Tempelanlagen ragten zur Hälfte aus dem Wasser und Besichtigungen konnten nur noch vom Boot aus durchgeführt werden. Nur in den Sommermonaten, wenn die Schleusen des Staudamms sporadisch geöffnet wurden, fiel die Insel trocken und die Pracht der Tempelanlage kam wieder zum Vorschein. Allerdings litt die Substanz im Laufe der Jahre immer mehr, denn das Wasser wirkte zwar entsalzend, die farbenprächtigen Reliefs hatten ihm jedoch nichts entgegenzusetzen, so dass sie für immer verloren gingen.

Mit dem Bau des großen Staudamms in den 1960er Jahren geriet die Insel Philae noch stärker in die Gefährdung durch das Nilwasser. Nun befand sie sich genau zwischen den beiden Staumauern im sogenannten Zwischenstausee. Das Wasser in diesem See wurde nun nicht konstant auf einem Niveau gehalten, sondern der Wasserstand wechselte in sehr kurzen Zyklen zwischen hoch und niedrig, was nötig war, damit die Wasserkraftwerke effizient arbeiten konnten. Das bedeutete aber auch, dass die Tempelbauten in schneller Folge trockneten und dann wieder durchfeuchtet wurden. Man erkannte nun, dass die Tempelanlagen einen so unschätzbaren, kulturhistorischen Wert besitzen, dass sie unbedingt erhalten werden mussten. Dies konnte nur durch ein Umsetzen von der Insel Philae an einen anderen Standort gelingen.

Unter der Schirmherrschaft der UNESCO wurden dann die Tempelanlagen von Philae wie die Tempel von Kalabscha und Abu Simbel abgebaut. Auf der 600 Meter nordwestlich gelegenen Insel Agilika wurden die Tempel dann wieder aufgebaut. Bevor es dazu kam, waren aber auch verschiedene andere Pläne diskutiert worden. Die Ideen reichten zum Beispiel von einer Anhebung der Insel oder den Bau von riesigen Deichen um die Insel herum bis hin zu einer Verlegung des Tempelkomplexes in die USA, was durch einen finanzkräftigen Investor möglich gewesen wäre.

Allerdings darf man nicht denken, dass so eine Umsetzung innerhalb weniger Monate von statten ging. Um die Insel Philea wurde 1972 ein Damm errichtet und das Wasser über der Insel abgepumpt. Dann wurden die Tempelbauten vom Nilschlamm befreit und erst 1977, fünf Jahre später, konnte mit dem eigentlichen Abbau begonnen werden. Katalogisieren, kennzeichnen, markieren, zersägen und transportieren waren nun die Haupttätigkeiten auf der Baustelle an der Insel Philae. Die kleinsten Bauteile wogen dabei zwei Tonnen, die größten bis zu 25 Tonnen. Während der Umsetzung erlebten die Beteiligten auch Überraschungen. So wurden Baublöcke älterer Tempel gefunden, die sowohl aus der Gegend um Assuan stammten als auch aus dem 250 Kilometer flussabwärts gelegenen Tempelkomplex von Luxor und Karnak. Mit einem Kostenumfang von 30 Millionen US-Dollar wurde der neue, umgesetzte Tempelkomplex im März 1980 übergeben und die Anlage damit offiziell eingeweiht. Als Würdigung des Komplexes wurde die Anlage im gleichen Jahr in die UNESCO Weltkulturerbeliste aufgenommen. Damit sind die Tempel vor dem Verfall bewahrt und für die Nachwelt erhalten, denn sie wären sonst nicht nur achtzig Jahre dem Verfall preisgegeben gewesen, sondern für immer irreparabel verloren gegangen. Auch wenn die Bauten jetzt auf einer anderen Insel als ursprünglich stehen und man an den Verfärbungen des Gesteins immer noch den einstigen Wasserstand nach dem Bau des ersten Assuan Staudammes erkennen kann, ist es doch gelungen, den Charakter der Tempelanlage von Philae auf die Insel Agilika zu übertragen. Allerdings ist nicht die gesamte Bausubstanz versetzt worden. Die Fundamente der Tempel, der Tempel des Augustus, das Tor des Diokletian und  zwei koptische Basiliken sind aus Kostengründen auf der Insel Philae verblieben und befinden sich nun am Grund des Zwischenstausees.