Anders als bei anderen Religionen beruht die Religion der alten Ägypter nicht auf einem Religionsstifter, einem Propheten oder einem Buch. Obwohl es zwar viele religiöse Texte gab, fehlt ein Buch in der Art des Koran, der Bibel oder des Talmud. Anders als bei diesen wurden die Texte immer wieder auf- und umgearbeitet. Dadurch entstand ein sehr vielfältiges, komplexes und manchmal auch wirres Kompendium an Texten der unterschiedlichsten Art. Trotz dieser Vielfalt und Komplexität gibt es ein klares Grundmuster über die Vorstellungswelt der alten Ägypter. Die bewegte sich im Kosmos der alten Ägypter zwischen den beiden Faktoren Sonne und Nil. Die Sonne bildet die Ost-West Achse, der Nil die Nord-Süd Achse. Auch der Lauf des Mondes, die Veränderungen am Sternenhimmel und die Wiederkehr der Jahreszeiten waren in diese Vorstellungswelt integriert. Aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt wie beispielsweise bei einem Korn, aus dem eine neue Pflanze wird, entwickelte sich ein besonderer Totenkult der Ägypter.

Eine sehr zentrale Figur im ägyptischen Totenkult ist Osiris, der in der ägyptischen Mythologie ein König der Urzeit war, die Welt regierte und den Menschen den Ackerbau beibrachte. Osiris wurde von seinem Bruder Seth, dem Gott der Wüste und des Chaos‘, getötet. Die Schwester Isis konnte den König Osiris wiederbeleben und ihr gemeinsames Kind Horus konnte seinen Vater rächen. So trat er als König der Menschen die Thronfolge an. Der Gott Re verkörpert den Lauf der Sonne, die tagsüber den irdischen und nachts den unterirdischen Wesen scheint. In der Unterwelt verjüngt sie sich im Reich des Osiris, der fortan nur dort weiterleben konnte, und taucht am nächsten Morgen im Osten wieder auf.

Die alten Griechen erkannten in den Göttern der Ägypter Spiegelbilder ihrer eigenen Götter, als sie Ägypten bereisten. Der Gott Re zum Beispiel wurde von den Griechen als die Entsprechung für den griechischen Sonnengott Helios angesehen. Ähnlich wie die Griechen grenzten sich auch die Ägypter mit ihrer Religion nicht gegen andere Religionen ab, so wie es im Christentum, im Judentum oder im Islam der Fall ist. Ihr System war offen für alle und frei von religiösen Dogmen oder Grenzen. Und so wie die Ägypter gegenüber anderen Offenheit demonstrierten, war sie selbst offen für neue Götter. Sinn dieser charakteristischen Eigenschaft des altägyptischen Glaubens war die Erkenntnis über eine umfassende göttliche Weltordnung, um der Angst vor den natürlichen Bedrohungen wie Tod, Hunger, Missernten, Naturkatastrophen, Krankheiten oder bösen Dämonen zu begegnen. Die Beobachtung der Natur, der Sterne und der Lebensumgebung der Menschen war so etwas wie eine Urform der Wissenschaft, wenngleich sie als solche noch nicht existierte. Allen Kräften in der Natur wurde eine Gottheit zugeschrieben, es gab nichts Nichtgöttliches. Da alles religiös ausgedeutet wurde, durfte bei den kultischen Handlungen auch kein Gott vergessen werden. Der Polytheismus, also der Glaube an viele Götter, war etwas universelles bei den alten Ägyptern.