Während sich im vorwiegend christlich geprägten Europa im Mittelalter im Verlauf der Geschichte neue Denkweisen und Weltbilder durchsetzten, die wir mit Begriffen wie Reformation, Aufklärung oder Moderne verbinden, waren große Teile der islamischen Welt von derartigen Entwicklungen abgekoppelt. Nur in den großen Metropolen mit einer kosmopolitischen Gesellschaft fanden ähnliche Entwicklungen statt. Als im 19. Jahrhundert die europäischen Eroberer und Entdecker in die islamische Welt vordrangen, prallten gleichermaßen zwei Kulturen aufeinander, deren Unterschiede sehr groß geworden waren. Die Kolonialmächte – zuerst die Briten und Franzosen, später auch die Deutschen – versuchten sich an der Modernisierung der islamischen Gesellschaften, die sie als rückständig empfanden. Nicht überall stießen die Kolonialherren damit auf Begeisterung, es entwickelte sich aber trotzdem eine gesellschaftliche Elite, die den westlichen Denkweisen zugeneigt war und die Modernisierung vorantreiben wollte. Einer der Ersten Aktiven auf diesem Feld in Ägypten war Mohammed Ali später folgte Gamal Abdel Nasser. In der Türkei zum Beispiel leitete Kemal Atatürk eine umfangreiche Modernisierung seines Landes ein.Antrieb für diese Bewegung in Ägypten war der Wunsch nach einer neuen Form des Islam, in dem der praktizierte Glaube in Einklang mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik und den daraus folgenden Neuerungen im gesellschaftlichen Leben stehen konnte. Auch die Legitimation der westlichen Lebensweise in den wohlhabenden Schichten kann dafür als Motiv gelten. Gamal Abdel Nassers Regierung verfolgte sogar neue Ideologien eines pan-arabischen Nationalismus‘ oder eines arabischen Sozialismus‘ in einem Staatenverbund. Diese Ideen, die Vorstellung von einem säkularisierten Land, die Emanzipation der Frau, Zugang zu Bildung, die Landreform und andere Dinge fanden nicht nur Befürworter in Ägypten. So verübten die Muslim-Brüder 1954 einen Anschlag auf Nasser. Allerdings verbreiteten sich seine Ideen besonders in der ägyptischen Armee, von der schließlich auch die ersten Impulse gegen das Königtum und die britische Besatzung ausgingen. Das Voranschreiten der Modernisierung in Ägypten dokumentieren auf eindrucksvolle Weise die Filme, die in den 40er bis 70er Jahren gedreht wurden. Sie zeigen, wie es In den bürgerlichen Milieus der Städte modern geworden war, westliche Kleidung zu tragen. Frauen bevorzugten nun kurze Röcke und Kleider enge Hosen und Stöckelschuhe. Damit unterschieden sich die modernen Ägypter optisch kaum noch von Franzosen oder Italienern mit ihrem mediterranen Stil.Wie aus dieser Beschreibung hervorgeht, war der moderne Lebensstil lange Zeit nur den wohlhabenden Städtern vorbehalten. Sowohl in den Armenvierteln als auch auf dem Lande kam von dieser Entwicklung kaum etwas an. Zugang zu Bildung und westlichen Konsumgütern gab es nur sehr bedingt. So lässt sich auch nachvollziehen, dass sich in den ärmeren Bevölkerungsschichten eine Gegenbewegung bildete – der Islamismus. Der Islamismus hielt dem westlichen Modernisierungswahn die traditionellen Werte der islamischen Gesellschaft entgegen, für die man keinen westlichen Konsum oder Bildung im modernen Sinne brauchte. Die Muslimbrüderschaft bildete nun die organisatorische Basis für diese Gegenbewegung. Nassers Nachfolger Anwar as-Sadat strebte ein Gegengewicht zu den Vorstellungen seines Vorgängers an und ließ eine Stärkung der islamischen Gruppierungen in Ägypten zu. Allerdings verübten islamische Fundamentalisten am 6. Oktober 1961 ein Attentat auf Sadat, der sich unter anderem auch für die Annäherung an Israel engagiert hatte.