Der Vorstellung der alten Ägypter nach erfolgte die Schöpfung aus einer undifferenzierbaren Masse oder Ursuppe, die grenzen- und formlos war. Durch die Kraft des Urgottes differenzierte sich die Ursuppe, Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, Himmel und Erde, Lebewesen und totes Gestein, fruchtbares Land und die Wüste, Diesseits und Jenseits entstanden. Das vorherige Chaos bekam eine Ordnung. Der Ablauf dieser Schöpfungsgeschichte existierte in vielen verschiedenen Versionen, die aber nicht unmittelbar in Konkurrenz zu einander standen, sondern sich vielmehr gegenseitig ergänzten, denn sie maßen unterschiedlichen Dingen unterschiedlich starke Bedeutungen zu. Die Schöpfung des Menschen beruht ebenfalls auf mehreren Versionen, denn es gibt auch dafür keine einheitliche Überlieferung. Mal sind sie die Tränen des Sonnengottes Re, mal sind sie vom Handwerkspatron und Schöpfergott Ptah gestaltet oder sie wurden vom widdergestaltigen Gott Chnum auf einer Töpferscheibe geformt.

Der Kosmos

Die wichtigsten Quellen über die Religion der alten Ägypter lieferten die Inschriften der Pyramiden, die man an den Innenwänden der Pyramidenkammern fand, Sargtexte oder die Texte, die an den Wänden und Gängen der Grabkammern im Tal der Könige angebracht waren. Auch eine Vielzahl anderer Quellen lieferte Erkenntnisse über die Beschaffenheit der altägyptischen Götterwelt. Darin finden sich auch Ausführungen über die Vorstellungen des Kosmos‘. Aus den Quellen kann man erkennen, dass sich diese Vorstellungen innerhalb von fast viertausend Jahren Religionsgeschichte weiterentwickelt haben.

Wie schon weiter oben erwähnt, bildet die Sonne mit ihrem Lauf von Ost nach West eine Achse, der Nil mit seinem Süd-Nord Lauf eine andere. Die Erde wird als Scheibe angesehen, die die Sonne tagsüber oberirdisch und während der zwölf Nachtstunden unterirdisch umrundet, um am nächsten Morgen wiedergeboren am Himmel zu erscheinen. Als Gefährt dienen dem Sonnengott tagsüber eine Tagesbarke, nachts eine Nachtbarke, was verständlich wird, wenn man sich daran erinnert, dass die Boote auf dem Nil die wichtigsten Verkehrsmittel waren. In der Dämmerung wechselt Re jeweils sein Gefährt. Im Unterschied zum Tageslauf der Sonne, bei dem sie immer älter wird, verjüngt sie sich in der Unterwelt, bis sie am nächsten Morgen wieder in der normalen Welt erscheint. Dieser Vorstellung folgt auch alles, was in der Unterwelt seinen Platz hat. Der Nil der Unterwelt fließt in die entgegengesetzte Richtung, alles verjüngt sich, Gerades verläuft gebogen und auch die Zeit läuft rückwärts. Das ist eine Geschichte.

Eine andere Geschichte stellt die Göttin des Himmels, Nut, in den Mittelpunkt. Ihre vier Gliedmaßen symbolisieren die vier Himmelsrichtungen und an ihrem Leib leuchten die Gestirne, was als eine Anlehnung an die Milchstraße verstanden werden könnte. Der Himmel als die Heimat diverser Gottheiten sollte nach dem Tod des Pharao sein ewiger Platz zwischen den Gestirnen werden. Diese Vorstellung findet sich in mehreren Texten in den Pyramiden.

Der Nil wird unter dem Gott mit dem Namen Hapi personifiziert. Das Fruchtland an seinen Ufern wird das „Schwarze“genannt und durch die Ablagerungen von fruchtbarem Nilschlamm bilden sich beim Rückgang des Wassers Hügel, deren Entstehung aber als Emporwachsen der Erde und nicht durch den Rückgang des Wassers erklärt wird. Ein wichtiger Grundpfeiler aller kultischen Handlungen war die Aufrechterhaltung des natürlichen Rhythmus‘ auf der Erde und im Kosmos. Denn die Regelmäßigkeit aller natürlichen Vorgänge versprachen den alten Ägyptern Sicherheit, die sie im Falle eines Ungleichgewichts bedroht sahen. Klimatische Veränderungen, Dürren und Hunger stellten eine Bedrohung des Lebens dar. Die steingewordene Verkörperung der göttlichen Ordnung im Kosmos stellen die Tempelanlagen auf der Erde dar. Ihre bauliche Struktur ist ganz auf die göttliche Welt im Kosmos angelegt.