Oase Siwa

In der Wüste Ägyptens

Immer beliebter werden auch Geländewagenausflüge von Marsa Matruh zur Oase Siwa. Nach der Fahrt durch die libysche Wüste erwartet den Besucher ein Ort mit einer überwältigenden Fauna, an dem die Zeit stehen geblieben scheint. Die eigentümlichen Sitten und Gebräuche, die sich aufgrund der isolierten Lage bis heute erhalten haben, erscheinen selbst für Ägypter fremd. Wer nach Siwa fährt, kann unter erfrischenden Wasserfällen baden, wandelt aber auch auf den Spuren Alexanders des Großen. Vom Orakel im damaligen Zentrum der Oase, ließ sich der Griechenherrscher als Herr der Welt und als Gott bestätigen. Unter General Rommel wurde die Oase dreimal besetzt.Nahe des Amun-Tempels sprangen Soldaten nackt in das steingefasste Becken des heiligen Brunnens: ein Sakrileg! Wenig später machten die ersten Gerüchte die Runde, wonach sich die Orakelstätte als böses Omen für die Besatzer erweisen könnte. Kurz danach wurden Rommels Truppen in El-Alamein vernichtend geschlagen. Der Name Siwas, der westlichsten Oasengruppe Ägyptens, leitet sich aus dem ägyptischen ‚sekhetam’ ab, zu Deutsch Palmland. Etwa 300.000 Dattelpalmen und 70.000 Olivenbäume speisen das satte Grün der großen Gärten und Plantagen. Aber auch Gemüse, Trauben, Feigen, Orangen und Aprikosen werden für den Verzehr durch die 23.000 Einwohner kultiviert. Im alten Ort wurden die Häuser aus Platzmangel eng und bis zu acht Stockwerke hoch. Räuberische Beduinen stellten sich den Oasenbewohnern oft auf unwillkommene Art vor, daher war die Siedlung mit einer Festungsmauer umgeben.Satelitenaufnahme von der Siwa Oase
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Größere KartenansichtWas man in Siwa nicht kannte, waren Niederschläge – bis zu jenem dreitägigen Dauerregen im Jahr 1926, der für die Lehmgebäude von Schali oder „Alt-Siwa“ das Ende bedeutete. Die Häuser wurden daraufhin zugunsten modernerer Bauten aufgegeben. In Siwa hat man daher gewissermaßen eine gespaltene Beziehung zum Wasser – zumindest, wenn es ‚von oben’ kommt. Denn allein dem Leben spenden Quell aus der Tiefe verdankt Siwa seine Existenz, mitten in der Wüste. Tiefbohrungen fördern hier prähistorisches Mineralwasser zu Tage, das in Kairo als Kostbarkeit gilt – als „Siwa" eben. Die geschichtlichen Spuren Siwas reichen zurück bis in die 18. Dynastie, etwa 1500 v. Chr. Der Haupttempel, dem Gott Amun-Zeus geweiht, und die Orakelsprüche waren bis weit über die Grenzen des Pharaonenreichs bekannt. Das Wüsten-Orakel war neben dem Apollo-Orakel von Delphi und dem Zeus-Orakel von Dodona das bekannteste in der Antike.

Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde der Tempel gebaut, doch die Archäologen sind sich einig, dass das heutige Siwa schon vorher als Orakelort bekannt war, wenngleich die Ursprünge im Dunkeln liegen. Der Geschichtsschreiber Herodot berichtete im 5. Jahrhundert v. Chr. unter anderem die folgende Ent stehungslegende: „Die Priesterinnen erzählten mir folgendes: Zwei schwarze Tauben sind einst von Theben aufgeflogen. Eine Taube flog nach Libyen und die andere kam zu ihnen, wo sie sich auf einer Eiche niederließ und mit menschlicher Stimme rief, es müsse hier ein Orakel des Zeus gestiftet werden! Die andere Taube ist nach Libyen geflogen und forderte die Libyer auf, ein Orakel des Amon zu gründen." Das hiesige Orakel war jedoch weniger redselig als die Quellen der Weisheit in Delphi oder Dodona. Statt Orakelsprüchen antwortete die Amun-Statue nur mit Ja oder Nein: Bewegte sie sich, von den Priestern bewegt, zum Fragensteller hin, war die Antwort "Ja"; bewegte sich die Figur vom Fragesteller weg, lautete die Antwort "Nein".

Wie Herodot außerdem berichtet, wollte der Perserkönig Kambyses II., Sohn von Kyros dem Großen, im Jahr 523 v. Chr. das heilige Orakel mit 50.000 Mann plündern, nachdem es den Niedergang des Königs prophezeit hatte. Doch bevor die Männer das Ziel erreichten, wurden sie von einem Sandsturm überrascht. Als schließlich Alexander der Große Ägypten erobert hatte, benötigte er nach alter Tradition die Zustimmung Amuns, um sich zum Pharao krönen zu lassen. Aus diesem Grund durchquerte der Herrscher die Wüste und erreichte Siwa im Jahr 331 v. Chr. Laut dem Geschichtsschreiber Diodor fragte Oberpriester Alexander, ob er sich als Sohn Amuns fügen wolle. Alexander stimmte zu und wollte seinerseits wissen, ob sein Vater (Amun) ihm die Herrschaft über die Welt gewähre. Die Antwort des Priesters war eindeutig: Amun gewähre ihm den Wunsch mit absoluter Gewissheit. Der Geschichtsschreiber Plutarch berichtet abweichend, Alexander habe zuerst nach dem Mörder seines Vaters gefragt.