Opfer und Opfergaben

Warum wird geopfert?

Es gibt verschieden Gründe, ein Opfer einem Gott darzubringen.
Ein Grund dafür ist die Abwendung von Unheil und Gefahr. Es gibt bzw. gab genügend Gefahren wie Naturkatastrophen und Kriege.
Als Beispiel hierfür kann man Seneca nennen, der vom "Opfern" (lat.: sacrificare) spricht und der in seinen "Naturales Quaestiones" schrieb, dass es in Kleonai öffentlich angestellte Hagelwächter gab. Wenn diese aufkommenden Hagel zu sehen glaubten, dann gaben sie den anwohnenden Menschen ein Zeichen, so dass diese in Windes Eile jeder für sich ein Huhn oder ein Lamm opferten. Wenn jemand kein Tier zum Opfern hatte, dann stach er sich in den Finger und nahm das Blut als Opfergabe oder er schnitt sich den ganzen Finger ab. Dieses Verhalten wird als pars pro toto Opfer bezeichnet.
In der Tierwelt wird dieses Verhaltensmuster ganz deutlich sichtbar.
Eine Spinne wird in einer lebensbedrohlichen Situation, wenn Fressfeinde sie jagen, einholen und versuchen sie zu überwältigen, ein Bein abwerfen, da diese sehr leicht abbrechen. Dieses Bein wird sich noch einige Zeit lang durch neurobiologische Prozesse bewegen und somit die Fressfeinde von der gejagten Spinne ablenken, wobei diese dann die Chance zum Entkommen nutzt.
Ein Fuchs, der in eine Falle gefangen ist, legt stets das Verhalten zu Tage, sich das betroffene Bein abzubeißen.
Im Pflanzenreich gibt es auch ein derartiges Verhalten von Verstümmelungsopfer. Als Beispiel hierfür kann man einen Baum nennen, der, wenn eine bestimmte Außentemperatur erreicht ist, seine Äste abwirft, um eine möglichst geringe Verdunstung zu erreichen.
Auch Menschen legen dieses Verhalten an den Tag, vor Tausenden von Jahren sowie heute. Einige verstümmeln sich selbst, andere opfern eine ganze Person, um die Mehrzahl der betroffenen Gruppe zu retten.
Otto Jahn bildete den Begriff "apotropäisch" auf der Grundlage des Terminus "Abwehr-Opfer", griechisch apotropaia. So bieten unzählige Beipiele eine äußerst reichhaltige Diskussionsgrundlage für pars pro toto Opfer.
Dieses Verhalten wird in der Verhaltensbiologie und sogar in der Genetik als Angst – und Fluchtverhalten dikutiert. Somit reichen sich Biologie und Religion die Hände.Ein weiterer Grund ist das Opfern bei Krankheiten und in Not.
Als Beispiel hierfür kann man eine Legende in Österreich nennen. Dort wurde 1715 ein Kind lebendig begraben, um eine Seuche abzuwenden.
Ein weiteres Beispiel ist das Leiden an Kopfschmerzen. Wenn jemand an Kopfschmerzen litt, so kam ein angesehenes Mitglied der Gemeinschaft und stellte als Grund der Erkrankung vielleicht den Zorn eines Gottes, die Magie eines fremden Zauberers oder die Missgunst eines Dämons oder des verstorbenen Verwandten fest. Der Grund der Erkrankung kann das Vergessen einer Opfergabe oder mangelnde Pflege von Tempeln oder Totenkapellen sein. Die Heilung wurde durch ein Ritual herbeigeführt, meist durch das Zitieren eines Spruches.
Ein roter Bock wurde beispielsweise vor den Toren in Kyrene geopfert, um eine Seuche, eine Hungersnot oder allgemeines Sterben abzuwenden.
Ein dritter Grund ein Opfer darzubieten kann aus unerfüllten Wünschen resultieren.
So kann es sein, dass eine Frau sehnlichst auf ein Kind wartet, aber keines bekommt. Somit würde sie, sofern sie aus Ägypten stammt, höchst wahrscheinlich die Göttin der Fruchtbarkeit, Hathor, anrufen und um ein Kind bitten.
Im 17. Jahrhundert soll eine ungarische Herzogin ein Kind getötet haben, um das Leben ihrer Selbst zu verlängern.

Meist wird auch einfach ohne scheinbar ersichtlichen Grund, in regelmäßigen sich wiederholenden Abständen geopfert. Natürlich steckt auch dahinter ein sogar sehr wichtiger und bedeutsamer Grund.
Man wollte bzw. möchte den Gott nicht erzürnen durch vergessene Opfergaben oder mangelnde Pflege der Tempel. Denn man weiß, dass der Gott straft, wenn man nicht sorgfältig "mit ihm umgeht" und man weiß auch, dass man den Gott in schwierigen Zeiten braucht.
Das Opfern ist demnach ein Kreislauf von Geben und Nehmen. Man ist somit gegenseitig zur Erstattung von erbrachten Leistungen, also Gegengaben, verpflichtet.
Das Prinzip des do ut des, "Ich gebe, damit du gibst", trifft dieses Prinzip der Gegengabe mit am deutlichsten. Am deutlichsten aber trifft die Formulierung aus dem indischen Veda zu wie zitiert:
"Gib du mir – ich gebe dir."
In Tansania wird beim Libationsopfer vom ersten Bier nach der Ernte ein Spruch zitiert: "Nehmt diesen Trunk – gebt uns Glück – gewährt uns Leben, Leben, Leben!"
Es sind auch unzählig viele Beispiele in der ägyptischen Religion zu finden. So wird in den "Lehren des Ani" (Zitat aus Joachim Quack "Die Lehren des Ani", Orbis Biblicus et Orientalis, Band 141, Universitätsverlag Freiburg Schweiz, Übersetzung B, Seite 91, Zeilen 1-14) beispielsweise folgendes geschrieben:

"Mach ein Fest für deinen Gott!
Wiederhole es zu seiner Jahreszeit!
Gott zürnt, wenn sie verpasst wird.
Lass Zeugen zugegen sein, wenn du opferst,
Beim ersten Mal, dass du es tust.
Man ist gekommen, um deine festgesetzte Gebühr zu verlangen?
Gib sie, damit du in die Liste eingetragen wirst.
Die Zeit ist gekommen.
Man verlangt deine Quittung.
Um seine (des Gottes) Macht zu verherrlichen.
Gesang, Tanz und Weihrauch werden zu seiner Speise,
Empfang des Proskynema zu seinem Besitz.
Der Gott macht es, um seinen Namen geehrt sein zu lassen,
Während es der Mensch ist, der berauscht ist."

Man trifft auch auf Variationen des do ut des-Prinzips, z.B. da ut dem "Gib, damit ich gebe" oder date quia dedit "Gebt, weil er gegeben hat". Auch da quia dedi "Gib, weil ich gegeben habe" und do quia dedisti ut des "Ich gebe, weil du gegeben hast, damit du gibst" sind Varianten des do ut des-Prinzips.