Memnon Kolosse

Relikte des Tempels Amenhotep III.

Gegenüber der Residenzstatt Theben ließ König Amenhotep III. einen riesigen Tempelkomplex, ein sogenanntes „Haus für Millionen von Jahren“, errichten. Obwohl der Bezirk zu einem der größten Sakralbezirke des Alten Ägypten gehört – der von einer mächtigen Mauer umgebene Tempelbereich war mit einer Länge von 550 Metern und einer Breite von 700 Metern um einiges größer als der Reichstempel des Amun in Karnak – ist von der Anlage fast nichts erhalten. Heute trägt der Ort den arabischen Namen Kôm el-Hettân, was so viel wie „Sandsteinhügel“ bedeutet.
Memnon Kolosse in Luxor
Damit dürfte wohl die zerfallene Tempelruine gemeint sein, welche jedoch durch Erdbeben und Jahrhunderte langem ‚Steinraub’ fast gänzlich verschwunden ist. Bei jüngsten Ausgrabungen in Kôm El-Hettân konnten Grundmauern, Architekturelemente, Säulenbasen und im Heiligtum aufgestellte Plastiken entdeckt werden. Lediglich die beiden Königsstatuen, die sogenannten Memnon Kolosse, welche einst den Haupteingang des Heiligtums flankierten, sind heute an ihrem ursprünglichen Aufstellungsplatz erhalten geblieben. Auch an ihnen ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, dennoch ist noch deutlich die erhabene Erscheinung des thronenden Amenhotep III., welcher einen schlichten Leinenschurz und ein sogenanntes nemes-Kopftuch auf dem Haupt trägt, erkennbar. Links und rechts neben den monumentalen Füßen der Königsplastik erscheinen vor dem Thron die zarten weiblichen Züge der großen königlichen Gemahlin Teje und von Mut-em-wija, der Mutter Amenhotep III.. Auch zwischen den Beinen des Königs müssen weitere Figuren gestanden haben, welche sich jedoch heute wegen der zu starker Zerstörung nicht mehr namentlich identifizieren lassen. Die Kolosse sind 21 Meter hoch, und jede von ihnen dürfte schätzungsweise ohne Basissockel rund 800 Tonnen wiegen. Die Plastiken wurden von den antiken Künstlern aus einem einzigen rötlichen Quarzitblock gemeißelt. Als Steinbruch wird im Text auf einer der Statuen Gebel el-Ahmar, nordöstlich der modernen Großstadt Kairo und damit 750 Kilometer von Luxor entfernt, angegeben. Neuste Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Plastiken aus dem Steinbruch Gebel Tingar, nahe Assuan, stammen müssen.
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Strabo (um 63 v. Chr. - 21 n. Chr.), ein griechischer Geograph und Historiker, berichtet, dass bei einem Erdbeben im Jahre 27 v. Chr. die Tempelruine Amenhotep III. in Theben-West stark beschädigt wurde. Ab diesem Zeitpunkt, so die antiken Quellen, gab die nördliche Statue bei Sonnenaufgang einen seltsamen und geheimnisvollen Gesang von sich. Antike Reisende aus Griechenland und Rom sahen daher in den monumentalen Plastiken den mystischen König Memnon aus Äthiopien, den Sohn der Morgenröte. Bis heute werden aus diesem Grund die beiden Eingangsstatuen Amenhotep III. als Memnonkolosse bezeichnet. Fasziniert von diesem ungewöhnlichen Phänomen entwickelte sich der Platz zu einer Pilgerstätte, welche antike Reisende aus dem Mittelmeerraum besuchten. Sogar prominente Besucher wie Kaiser Hadrian (117 - 138 n. Chr.) oder Kaiser Setimus Severus (193 - 211 n. Chr.) lauschten dem ‚Gesang’ am frühen Morgen. Oft hinterließen die ‚Pilger’, quasi als Andenken, kleine Inschriften in Griechisch und Latein auf den Plastiken, welche noch heute gut zu sehen sind.Selbstverständlich besuchte auch Strabo, welcher Ägypten im Jahre 25 v. Chr. bereiste, die Memnon Kolosse, um sich selbst ein Bild von dem Morgengesang zu machen. Er schrieb hierzu recht kritisch Folgendes: „Auch ich hörte, als ich mit Aelius Gallus [dem römischen Präfekten von Ägypten] und einer Menge seines Gefolges dort weilte, etwa in der ersten Tagesstunde das Geräusch, aber ich kann unmöglich mit Sicherheit unterscheiden, ob das Geräusch vom Sockel oder vom Koloss ausging oder nicht eher künstlich von einem der Männer erzeugt wurde, die dort umherstanden. Denn in Anbetracht der Unsicherheit über die Ursache glaube ich eher alles andere, als dass der Ton von festgefügten Steinen kommt.“ Wurde beim Gesang vielleicht hin und wieder von den Einheimischen etwas nachgeholfen, um so verstärkt antike Touristen anzulocken? Der Akustiker O. Bschorr beschäftigte sich in neuerer Zeit mit dem antiken Phänomen. In einem Vortrag, welchen Bschorr 1968 in Tokio während des „6th International Congress on Acoustics“ über „die Stimmen der Memnon Kolosse“ hielt, kam er zu folgender interessanten Schlussfolgerung: „Im unteren Teil des Kolosse befindet sich eine Reihe von Rissen, wobei die Bruchflächen bis zu 20 cm voneinander entfernt sind. Es ist denkbar, dass vor der Restauration [des nördlichen Kolosses] im Innern eine abgeschlossene Risskammer mit kleinen Öffnungen bestand. Bei Erwärmung [durch die aufgehende Sonne] dehnte sich die in der Kammer befindliche Luft aus und blies durch die Öffnung ab. Befand sich im Luftstrom zufällig eine scharfe Kante oder ein resonanzartiger Luftraum, so wurde dadurch nach dem Prinzip der bekannten Blasinstrumente ein Ton erzeugt. Es wurde ein nach diesem Prinzip arbeitendes Modell gebaut. Es gelang, dieses durch Sonneneinstrahlung zum Tönen zu bringen.“

Wie auch immer, der römische Kaiser Septimus Severus ließ an den bereits zu seiner Zeit über 1500 Jahre alten Plastiken umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchführen. Daraufhin, so die antiken Berichte, verstummten die geheimnisvollen Töne am frühen Morgen für immer.